Frauen in der Nazi-Szene

Von links: Dr. Heike Radvan, Valérie Dubslaff, Dr. Esther Lehnert, Monika Lazar, Andrea Röpke

 


Gebärerin, Hausfrau, Mitläuferin - trifft dieses althergebrachte Rollenbild heute noch auf Frauen in der rechtsextremen Szene zu? Ja und nein, so das differenzierte Fazit aus dem öffentlichen Fachgespräch der Bundestagsfraktion der GRÜNEN mit fünf Referentinnen und rund 70 interessierten TeilnehmerInnen am 11. Juni 2011.
 
Übernahme des Artikels mit freundlicher Genehmigung der
Fraktion der Grünen im Bundestag.

Nach wie vor in der gesellschaftlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert, gewinnen Frauen in der Nazi-Szene zunehmend an Bedeutung. Häufig verknüpfen sie ihre Aktivitäten als Mütter mit politischen Zielen. So engagierten sich in der Wiking-Jugend maßgeblich Frauen und erzogen 42 Jahre lang – bis zum Verbot – nahezu ungehindert Kinder zu Nazis. Auch innerhalb der "Gesellschaft für freie Publizistik" oder in der "Hilfsorganisation für nationale Gefangene", welche Nazis im Gefängnis betreut, agieren sie und stabilisieren die rechtsextreme Szene. "Immer mehr junge Frauen kommen allein und aus eigenem Antrieb zur NPD, nicht nur als Freundinnen von Nazi-Männern.", stellt Andrea Röpke, die als Journalistin und Autorin im Nazi-Spektrum recherchiert, fest. Heute ist geschätzt jeder fünfte Neonazi weiblich. Wenn auch keine gewählte Frau im Bundesvorstand der NPD sitzt, so hat die NPD doch immerhin 23 Prozent weibliche Mitglieder. In der mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend e.V. (HDJ) betrug der Frauenanteil sogar 40 Prozent. Besonders in Wahlkämpfen werden Frauen gern als freundliche Sympathieträgerinnen eingesetzt.

Als solche wirken sie in die Gesellschaft hinein und unterstützen die rechtsextreme Strategie der kommunalen Verankerung, von Nazis auch "nationale Graswurzelarbeit" genannt. Sie lassen sich in Elternvertretungen und Krabbelgruppen wählen, schmieren Brote in Jugendclubs, bieten Sport und Spiel für Kinder an. Oft ergreifen sie bewusst pädagogische Berufe, wobei dies nur die "zweite Wahl" nach der "eigentlichen Berufung" zur Mutterschaft bleibt. Denn trotz aller scheinbaren Modernisierung sind in der Szene Feminismus und Frauenemanzipation verpönt. Gender Mainstreaming wird als "widernatürlich" bekämpft. Dies propagiert die 2006 gegründete NPD-Frauenorganisation "Ring Nationaler Frauen" (RNF) in ihren Publikationen.

Entsprechend eindimensional stellen sich auch die "Männlichkeiten im Rechtsextremismus" dar – zumindest nach außen. Die Szene orientiert sich an einer hegemonialen Männlichkeit, die sich heterosexuell, körperlich stark, beruflich erfolgreich, verantwortlich für Ehe und Familie, institutionell mächtig, finanziell abgesichert und überlegen gegenüber Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund zu zeigen hat. Dr. Esther Lehnert vom Verein für demokratische Kultur (VDK) führt aus: "Je drängender das Streben nach hegemonialer Männlichkeit, desto stärker auch die Gewaltbereitschaft. Im Rechtsextremismus wird der kämpfende Mann glorifiziert." Mit Sicherheit trägt diese Sozialisation dazu bei, dass rechte Gewalttaten zu 98 Prozent von Männern verübt werden. Im Hassfokus stehen neben MigrantInnen, Obdachlosen und Linksalternativen besonders auch Schwule. "Volksinteressen statt Homoexzessen", lautet eine braune Parole, die anders Liebende schlicht zu Feinden des "deutschen Volkes" erklärt. Sieht man jedoch hinter die Fassade der Nazi-Szene, findet sich durchaus gelebte Homosexualität, ebenso wie andere konkurrierende Männlichkeiten. Da dies aber verdeckt wird, bietet die Nazi-Szene jungen Männern scheinbar klare Rollenbilder und "Orientierungshilfen" in ihrer Identitätssuche.

Biologistisch, völkisch und starr – das Geschlechterbild der Neonazis

Geschlecht wird im Weltbild der Neonazis biologistisch begründet, woraus sich ein naturalistisches Rollen- und Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen ableitet. Diese Haltung ist auch jenseits der rechtsextremen Lebenswelt noch recht verbreitet. Dass sie gesellschaftlich anschlussfähig ist, zeigt unter anderem das große Interesse an Büchern wie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" oder "Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen". Die NPD versucht daher, mit Teilelementen ihrer Frauen- und Familienpolitik konservativ geprägte Wählerschichten anzusprechen. "Sie wollen vorhandene Vorurteile und Ängste populistisch instrumentalisieren und dann völkisch färben", beschreibt Valérie Dubslaff, die an der Universität des Saarlandes doziert, die gezielte Strategie der Rechtsextremen. Dazu greifen sie medial gängige Themen auf, z.B. Altersarmut bei Frauen oder unentgeltlichen Kita-Ausbau, fordern aber hierbei Verbesserungen nur für Deutsche. Sie verlangen den Schutz der deutschen Frauen vor kriminellen Ausländern und islamischer "Überfremdung" sowie die "Todesstrafe für Kinderschänder". Alternative weibliche Lebensentwürfe (Karrierefrauen, Lesben, "Gebärstreikende") werden als unwürdige Folgen der "Spaßgesellschaft" abgelehnt und als ursächlich für die "demographische Katastrophe" in Deutschland angesehen. Die Überhöhung des Mutterideals geht einher mit dem Verwerfen weiblicher Selbstbestimmungsrechte (z.B. Verhütung), was häufig auch außerhalb des extrem rechten Spektrums unterstützt wird. Auch die Auseinandersetzung mit dem Gender Pay Gap oder der Frauenquote wird nicht überall im demokratischen Lager positiv gesehen. Solche Überschneidungen nutzen NPD und RNF gern für ihre Eigenwerbung.

Nach eigenen Bekundungen steigt der NPD-Frauenanteil stetig an. Dennoch kann die NPD mit ihrer rigiden und reaktionären Frauenpolitik keine gesellschaftliche Breitenwirkung entfalten. Zu offenkundig ist ihr sexistischer Charakter, zu klar wird, dass Frauen außerhalb des rechtsextremen Normenbildes nicht auf politische Unterstützung zählen dürfen. Erfolgreicher ist da Marine Le Pen, Vorsitzende der rechtsradikalen Partei Front National (FN) in Frankreich. Ihr Auftritt wirkt moderner, der Anschluss an die Gesellschaft gelingt ihr besser. Strittige Fragestellungen wie Abtreibung definiert sie als persönliche Themen, über die Politik nicht zu befinden habe. Sie spielt lieber mit globalisierungsbedingten Verunsicherungen und hetzt gegen Muslime. Diese seien wie "eine Okkupation, die immer mehr Städte in Frankreich betrifft." Sie attackiert "machtgierige Politiker" und "korrupte Systeme", stellt sich selbst als einzig Aufrechte dar und punktet damit tatsächlich: 27 Prozent der Franzosen finden sie sympathisch. Solchen Zuspruch will auch die NPD und versucht den Eindruck zu erwecken, rechtsextreme Positionen seien in der gesamten Gesellschaft verbreitet. Sie verwendet z.B. aus dem Zusammenhang gerissene Zitate bekannter Persönlichkeiten oder beteiligt sich an demokratischen Initiativen.

Suche nach gesellschaftlichen Andockstellen – braune Spielarten von Ökodebatte, Naturschutz und Feminismus

Besonders in Ostdeutschland, wo die NPD durch parlamentarische Mandate auf Landes- und Kommunalebene strukturell gut aufgestellt ist, sind immer wieder Aktivitäten zu verzeichnen. Auch hier spielen Frauen tragende Rollen. "Frauen nutzen bürgerliche Andockstellen, die man gar nicht mit Rechtsextremismus in Verbindung bringt, um Einfluss auszuüben", beschreibt Astrid Rothe-Beinlich, Landtagsabgeordnete in Thüringen,  Mitglied im Bundesvorstand und Frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, ihre Erfahrungen. So melden sie sich in der Ökodebatte zu Wort: "Wir wollen gesunde Nahrung für unsere gesunden (deutschen) Kinder." Sie engagieren sich für Naturschutz (deutsche Heimat erhalten) und beim Volkstanz, der in der ehemaligen DDR eher ein Tummelplatz für die Umwelt- und Friedensbewegung war und als subversiv galt. Geschickt bieten rechte Frauen Hilfe an: in bei der Kinderbetreuung, im Haushalt oder im kulturellen Bereich. Dies gelingt besonders dort, wo nicht-rechte Mädchenarbeit fehlt und demokratische Institutionen auf dem Rückzug sind.

Zunehmend treten rechte Frauen auch auf Nazi-Demonstrationen in Erscheinung. In Thüringen entdeckt man häufig autonome Nationalistinnen in kämpferischer Aufmachung bei solchen Aufmärschen. Dort bildete sich auch die einzige Kameradschaft, die einen "nationalen Feminismus" vertrat: der "Mädelring Thüringen".  Zwar ist diese Gruppe mittlerweile nicht mehr allzu aktiv, auf ihrer Internetseite wird aber noch appelliert: "Deutsche Frauen wehrt euch - gegen das Patriarchat und politische Unmündigkeit!" Gleichzeitig betonen sie, dass dies nicht gegen Männer gerichtet sei wie in der Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern intellektuelle Begabungen und politische Aktivitäten jenseits der Mutterrolle stärkere Anerkennung in der Szene finden sollen.

Die differierenden Frauen- und Männerrollen sind für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus relevant. "Wir brauchen eine geschlechterreflektierte Präventionsarbeit. Die Zuschreibungen, was männlich oder weiblich ist, sind in der rechten Szene sehr dominant, das muss in den Fokus genommen werden", betont Dr. Heike Radvan von der Fachstelle "Gender und Rechtsextremismusprävention" der Amadeu Antonio Stiftung. Rechtsextremismus wird vorrangig als männliches Phänomen beleuchtet. Auch die Arbeit mit Mädchen und Frauenwird noch immer vernachlässigt, was der Förderschwerpunkt für die Jungenarbeit im Bundesprogramm "Vielfalt tut gut" bestätigt. Dabei bietet das heroische Ideal der stolzen Germanin und Kämpferin für die "nationale Sache" vielen Mädchen einen Impuls zum Einstieg: Sie können sich mit dieser Vorstellung aufwerten, z.B. gegenüber der "unterdrückten Orientalin". Dies bietet Entlastung und Orientierung in eigenen Krisensituationen und eine gefühlte Stärkung durch Gruppenzugehörigkeit. Gleiches gilt für Jungen, die sich als "richtige deutsche Männer" gegenüber Frauen erhöht fühlen. Pädagogik kann hier ansetzen und Jugendliche in ihrem Rollenbild hinterfragen. Allein das Vermitteln einer Vielfalt der Geschlechterrollen wirkt schon präventiv. Jedoch gibt es nur wenige Projekte, die so arbeiten. Stattdessen werden tradierte Rollen oft sogar verstärkt, z.B. durch Boxtrainings für Jungen. Dass dies missbraucht werden kann, etwa für den Straßenkampf, sollte Radvan zufolge ebenfalls thematisiert werden.

Ansätze für Prävention und Ausstiegshilfe

Grundlegend wichtig ist eine Sensibilisierung von pädagogisch Tätigen. Dazu gehören eine geschlechtergerechte Sprache, das Problematisieren sexistischer und homophober Äußerungen, das Wahrnehmen von Konkurrenzen in Jungengruppen (z.B. Schutz von schwulen Jungen), die Auseinandersetzung mit sexualisierten Gewalterfahrungen von Mädchen, das Hinterfragen eigener Rollenzuschreibungen und Freiräume schaffen für geschlechtsunspezifisches Verhalten.

Neben präventiven Ansätzen werden Strategien zum Umgang mit "nationalen Familien" gebraucht. Hier sind pädagogische Fachkräfte meist überfordert. Wie sollen sie Kinder aus rechtsextremen Elternhäusern, in denen Ausgrenzung und Diskriminierung gelebt wird, schützen? Wo endet der staatliche Erziehungsauftrag, ab wann muss das Kindeswohl als gefährdet gelten? Eine verantwortliche Abwägung zu treffen, ist schwer, aber notwendig. Dazu muss eine gesellschaftliche Debatte geführt werden. Auch der Ausstieg aus der rechten Szene stellt für Frauen mit Kindern oder aus gewalttätigen Zusammenhängen eine andere Herausforderung dar als für einen Mann.  Bei komplizierten Fragen, etwa zum Sorge- und Umgangsrecht, darf weder der rechtsextreme noch der geschlechtsspezifische Hintergrund ausgeblendet werden. Richterinnen und Richtern am Familiengericht müssen hierbei zu kompetenten Entscheidungen befähigt werden.

Monika Lazar, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus und Sprecherin für Frauenpolitik, fasst zusammen: "Die interessanten Referate haben gezeigt, wie unverzichtbar es ist, Rechtsextremismus unter Genderaspekten zu beleuchten. Die grüne Bundestagsfraktion wird das Thema politisch weiter bearbeiten."