Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern: Jüdisches Leben übersehen, Antisemitismus geleugnet

Jüdisches Leben in Mecklenburg-Vorpommern wird übersehen und dort stattfindender Antisemitismus tabuisiert. Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e.V. hat gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung das „Lagebild Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern“ (PDF-Dokument, 309.7 KB) vorgelegt.

 

Mit dem Lagebild liegt erstmals eine Expertise zum Thema im Bundesland vor. Mit Interviews und Analysen wird der Frage nachgegangen, wie Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern heute wahrgenommen wird. Die Ergebnisse zeigen, dass antisemitische Vorfälle alltäglich sind. Gleichzeitig wird jüdisches Leben in Mecklenburg-Vorpommern nicht wahrgenommen. Antisemitische Vorfälle werden von vielen Verantwortlichen beschwiegen und nicht problematisiert. Bis heute gibt es in Mecklenburg-Vorpommern zudem kaum eine Auseinandersetzung über Antisemitismus in der DDR.

Seit Jahren lässt sich ein Anstieg antisemitisch motivierter Straftaten in Mecklenburg-Vorpommern beobachten. Nach Angaben des Innenministeriums haben sich die antisemitisch motivierten Straftaten 2016 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, weil viele Betroffene alltäglich erlebten Antisemitismus nicht mehr zur Anzeige bringen. Die Analysen des Lagebild Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern verdeutlichen eine große Diskrepanz: Während Antisemitismus in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als Randnotiz abgehandelt wird, zeichnen die Berichte von Betroffenen hingegen ein anderes Bild.

In dem Lagebild Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern kommen mit jüdischen Stimmen diejenigen zu Wort, die unmittelbar von Antisemitismus betroffen sind. So berichtet Juri Rosov (Vorstehender der Jüdischen Gemeinde Rostock) davon, wie die Gemeinde immer wieder Ziel antisemitischer Anfeindungen ist. Nach einer Welle antisemitischer Drohungen schaltete diese bereits vor einigen Jahren die Kommentarfunktion auf der Website ab. Die anhaltenden Schändungen jüdischer Friedhöfe in Mecklenburg-Vorpommern – u.a. in Kröpelin (2011, 2012, 2013 und 2016) - sind beredtes Zeichen für einen anhaltenden starken Antisemitismus. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass es aus nichtjüdischer Bevölkerungsmehrheit zudem kaum Reaktionen auf antisemitische Vorfälle gibt und Antisemitismus geleugnet wird.

Ziel des Lagebild Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern ist es, die Zivilgesellschaft dafür zu sensibilisieren, dass es jüdisches Leben und Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern gibt und zu einem solidarischen Intervenieren bei Antisemitismus motivieren. Auch Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft dürfen sich bei antisemitischen Vorfällen nicht zurückziehen, sondern müssen entschlossen und konsequent dagegen handeln. Die mangelnde Auseinandersetzung mit Antisemitismus der DDR muss in der Bildungsarbeit aufgegriffen werden und regionalgeschichtliche Aufarbeitung der TäterInnengeschichte sowie Biografien von Holocaust-Opfern in den Vordergrund stellen. Einzelne kleine, zivilgesellschaftliche Initiativen vor Ort tun dies bereits.

Neben lokalhistorischen Recherchen ist eine Auseinandersetzung notwendig, wie sich Feindschaft heute gegen Jüdinnen und Juden – insbesondere gegen Israel im Bundesland richtet. Prof.*in Dr. Heike Radvan, Vorsitzende des Vereins Lola für Demokratie in MV fordert: „Ein Monitoring antisemitischer Vorfälle im Bundesland ist notwendig, um wirksam gegen Antisemitismus zu handeln. Nur mit einer genauen Erfassung und Analyse antisemitischer Vorfälle können konkrete Handlungsempfehlungen weiterentwickelt werden.“

 

Das Lagebild Antisemitismus in Mecklenburg-Vorpommern ist im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus und in Kooperation mit dem Verein Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e.V. entstanden.

 

Die Broschüre steht zum Download (PDF-Dokument, 309.7 KB)bereit oder kann gedruckt bei Lola für Demokratie in MV bestellt werden.