© Fridolin Welti

 

Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern: Jeden Tag Hass

Wer als Flüchtling in Deutschland lebt, wird oft mit menschenunwürdigen Lebensbedingungen konfrontiert, von mangelnder Hilfe und unüberschaubaren Behördenvorgängen ganz zu schweigen. Tagtäglich sind die Flüchtlinge rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Auch in Mecklenburg-Vorpommern. Die meisten von ihnen verlassen ihre wie Gefängnisse eingezäunten Heime nur, wenn sie unbedingt müssen. Die Projekte „Lola für Lulu“ und „Aktion Schutzschild“ der Amadeu Antonio Stiftung haben eine mobile Pressekonferenz in Mecklenburg-Vorpommern organisiert , um über die Lebenssituation der Flüchtlinge und über rechtsextreme Hetzkampagnen zu informieren. Auf einer Bustour haben sie gemeinsam mit Vertreter_innen aus Medien und Politik Flüchtlinge in Anklam, Güstrow und Ludwigslust besucht, um die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Besuche in den einzelnen Orten wurden von lokalen Unterstützer_inneninitiativen vorbereitet und begleitet, während der Busfahrt gab es Vorträge von LOBBI e.V., dem Flüchtlingsrat MV, dem Ökohaus Rostock, Migranet MV, Quarteera e.V. und Women in Exile. Hervorgegangen ist die Pressetour aus der AG Lebenssituationen von refugees in MV des Ratschlags der Bündnisse.
„Es ist alles gut. Nein, wirklich, es ist alles gut!“ Saeeb lächelt, er lächelt die ganze Zeit. Er ist aus Syrien nach Deutschland geflohen, jetzt ist er hier, „alles gut!“ Er lebt im Flüchtlingsheim in Ludwigslust, in einem 10 Quadratmeter großen Zimmer mit zwei fremden Männern. Sie haben drei Betten mit zerschlissener Bettwäsche, dazu drei Spinde wie in einer Sportumkleide. Die Küche teilen sie sich mit fünf weiteren Menschen. Im Keller gibt es acht Duschen, von denen sind vier kaputt. Die teilen sich rund 50 Männer. Das Haus verkommt, überall bröckelt Putz, fehlt Laminat. Im Zimmer von Saeeb ist die Heizung kaputt. Die Verwaltung sagt: Ist doch noch warm. Und der Kontakt zu den Menschen „draußen“? „Alles gut“, sagt Saeeb Sein Zimmergenosse schüttelt den Kopf. Er sagt: „Die mögen uns nicht.“
Als Flüchtling nach Deutschland zu kommen, ist grundsätzlich nicht leicht. Die 230.000 Menschen, die es im letzten Jahr versuchten, leben hier allzu oft bis zur Entscheidung über ihr Asylverfahren jenseits jeder Menschenwürde, wie Said: In heruntergekommenen, mies ausgestatteten, schmutzigen Häusern, zusammengepfercht mit viel zu vielen Menschen auf kleinstem Raum, unter übelsten hygienischen Bedingungen, allein gelassen ohne Sprachkenntnisse und Unterstützung, zum Nichtstun verdammt.
Lin aus Eritrea ist seit einem Jahr im Flüchtlingsheim Ludwigslust. Sie wohnt in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer unter dem Dach, dessen Fenster sich nicht öffnen lässt, in einer Wohnung mit vier fremden Männern. „Die sind aber zum Glück in Ordnung“, sagt die junge Muslima, die in ihrer Heimat Krankenschwester war und die sich am meisten darüber ärgert, dass sie hier ihre Zeit verschwendet, nicht Deutsch lernen darf, nicht arbeiten. „Aber irgendwann lasse ich das hier hinter mir, und dann vergesse ich es“, sagt sie.
Während der Bustour von einem Flüchtlingsheim zum nächsten berichtet Elisabeth Ngari von der Flüchtlingsfrauenorganisation „Women in Exile“ über die speziellen Probleme, mit denen Flüchtlingsfrauen konfrontiert sind. Lin aus Eritera hat mit ihrer Wohnsituation noch Glück, viele andere Frauen sind in den Heimen alltäglich sexistischen Diskriminierungen ausgesetzt: Sie haben keine eigenen Dusch- und Toilettenräume, können ihre Zimmer nicht abschließen oder müssen sie mit fremden Männern teilen. Verbale und körperliche Übergriffe erleiden sie sowohl von anderen männlichen Flüchtlingen als auch dem Heimpersonal. Viele wagen sich nachts nicht mehr auf den Flur zur Toilette, weil sie dann vermehrt angegriffen werden. Sie sind aus ihren Herkunftsländern vor Gewalt und Bedrohung geflohen, nur um in Deutschland wieder solchen Zumutungen ausgesetzt zu sein.
 
Bist Du "blond genug"?
Wenn die Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern untergebracht werden, kommt zu all dem Elend außerdem der rassistische Hass. Die Flüchtlinge, die wir in Anklam, Güstrow und Ludwigslust besuchen, erzählen, dass sie nur selten aus dem Flüchtlingsheim in die Stadt gehen. Dass sie sich bemühen, nicht allein in die Stadt zu gehen.
Aziz ist eine junge Mutter, die mit ihren zwei kleinen Söhnen aus Syrien geflohen ist. Ihren Mann hat sie in Italien das letzte Mal gesehen, dann wurden sie getrennt, sie weiß nicht, wo er ist. Sie ist seit 8 Monaten im Flüchtlingsheim in Anklam, jetzt durfte sie endlich einen Deutschkurs beginnen, erzählt sich freudig. Der Kurs ist im Heim, sie findet das gut: „Denn es lohnt sich nicht, hinaus zu gehen.“ Die Söhne gehen in die Kita und in die Schule, die begleitet sie, sonst bleibt sie auf dem wenig einladenden Gelände im verfallenden Industriegebiet der Stadt. Warum? „Es gibt dort nichts zu tun“, sagt Aziz, und dann: „Da sind die Nazis. Sie beschimpfen uns, sie spucken auf uns, sie schreien. Hier im Haus beschützt uns wenigstens der Sicherheitsdienst.“ Und wie läuft es in der Schule? Aziz lächelt: „Alles gut“. Ihr Sohn, der schon recht gut Deutsch versteht und spricht, schaltet sich ein: „Ich bin blond genug, dass ich keine Probleme habe.“
 
Nazis und Rassist_innen: Hetzen und Verletzen
Mecklenburg-Vorpommern hat eine verhältnismäßig große und gewalttätige Nazi-Szene, die das Flüchtlings-Thema nutzt, um über rassistische Stimmungen ihren Einfluss in der Gesellschaft zu sichern. Flüchtlings-Helfer_innen berichten, dass die NPD in Schulen Anweisungen herausgibt, sich nicht mit jugendlichen Flüchtlingen anzufreunden oder gar Geschenke auszutauschen. Viele Jugendliche sind schon dadurch so eingeschüchtert, dass sie Ärger für ihre eigene Person befürchten und sich strikt daran halten. Aber Rechtsextreme nehmen auch auf die sanfte Tour Einfluss auf die Bevölkerung: rechtsextreme Aktivistinnen treten bei Bürgerversammlungen als harmlose, unpolitische Mütter auf und inszenieren sich und ihre Kinder als Opfer der Flüchtlinge. Sie verbreiten Gerüchte und Verleumdungen über die Flüchtlinge und verleihen ihrer Argumentation mit dem Stereotyp der schutzlosen, schwachen Frau zusätzlich Nachdruck.
In Güstrow hat am selben Tag der Bustour eine rechtsextreme Aktivistin unter dem Deckmantel der Bürgerinitiative „Güstrow gegen Asylmissbrauch“ einen „Laternen- und Fackelmarsch für Groß und Klein“ unter dem Slogan „Kinder sind unsere Zukunft“ angemeldet. Tatsächlich versammelten sich über hundert Rechtsextreme zu einem Fackelmarsch, der bis auf wenige Meter an das Flüchtlingsheim heran führte. Bei der dortigen Kundgebung berichteten zwei Demonstrantinnen von angeblichen sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge.
Wer hilft den Flüchtlingen, die diesen Anfeindungen ausgesetzt sind? In der Regel sind es private Initiativen, manchmal kirchliche, oft sehr klein, aber engagiert und herzlich. In Güstrow treffen die Teilnehmer_innen der Bustour sich mit Flüchtlingen in der Villa Kunterbündnis, einer sozio-kulturellen Begegnungsstätte, die sich für Kinderbetreuung und Familienberatung, aber auch für eine weltoffene Willkommenskultur in Güstrow einsetzt. Dort wird versucht, dem Alltagsrassismus der Mehrheitsgesellschaft etwas entgegen zu setzen.
Die Flüchtlinge haben Unterstützung bitter nötig: „Wenn wir das Heim hier in Güstrow verlassen, zeigen uns die Menschen auf der Straße den Mittelfinger, sie schreien und rempeln uns an“, erzählt Abdoulaye aus Mauretanien. Wie oft passiert das? „Jeden Tag. Immer.“ Er sagt, er reagiert dann nicht. „Ich lächle und versuche, freundlich zu sein, aber die Integration ist sehr schwierig. Nur wenn ich im Heim bleibe, habe ich keine Probleme.“ Sherif, ebenfalls aus Mauretanien, ergänzt: „Sie zeigen mit dem Finger auf uns. Neulich kam mir einer entgegen und brüllte mir ‚Ebola, Ebola“ ins Gesicht.“ Der junge Schweißer ist kein Mann großer Worte, er muss sie suchen. Er guckt auf seine Hände und sagt: „Wenn ich in einen Laden gehe und etwas kaufe, will die Verkäuferin nicht einmal das Geld anfassen, dass ich zuvor in der Hand hatte.“ Wie kann man das aushalten? Noch dazu, ohne etwas zu tun zu haben? Zwei Mal in der Woche dürfen die Flüchtlinge den Fußballplatz nutzen, davon erzählen alle begeistert. Der Kontakt in örtliche Sportvereine lief dagegen nicht so prickelnd. Oft hören die Flüchtlinge, der Verein sei voll. Ein Freund von Eri aus Ghana wollte in den Boxverein. Dort wurde er im ersten Training gebissen. Seitdem geht dort niemand mehr hin.
Simone Rafael