"Ich habe Pflastersteine geworfen"


Tanja Privenau ist eine der wenigen Rechtsradikalen-Aussteigerinnen mit Kindern. Sie sagt, Frauen in der rechten Szene sind nicht nur Mitläuferinnen - sie werden auch gewalttätig.


taz: Frau Privenau, Sie waren 20 Jahre in der rechten Szene aktiv. Es heißt immer, viele junge Mädchen machen nur wegen Ihres Freundes mit. War das bei Ihnen auch so?

Tanja Privenau: Ich bin mit 13 in die Szene gekommen. Mich haben besonders die Männer angesprochen - da gab es noch echte Mannsbilder. Ich sehe mich aber nicht als Mitläuferin, wie es viele andere Frauen und Mädchen sind.

Warum nicht?

Ich habe meinen Freund und späteren Mann erst in der Szene kennengelernt. Und ich hatte auch Führungspositionen. Ich war Kameradschaftsführerin, ich habe Schulungen abgehalten, ich habe bei verschiedenen Schriften mitgewirkt und dann auch spezifisch die Frauenarbeit koordiniert.

Wie sah die Frauenarbeit denn aus?

Ich habe mit anderen Frauen Demos und Veranstaltungen organisiert. Frauen und Mädchen nehmen in der Szene wichtige Funktionen ein und stärken den Zusammenhang nach innen und außen. Nach innen, weil Männer mit Freundin aus der Szene seltener aussteigen. Und nach außen, weil Frauen nicht so auffallen wie Männer, wenn sie Veranstaltungssäle buchen.

Hat Sie das rechte Frauenbild nicht gestört?

Nein, ich bin in einem national geprägtem Haushalt aufgewachsen. Frau am Herd. Mann an der Waffe. Das hat mich anfangs alles nicht schockiert.

Sind denn alle Frauen in der rechten Szene eher brav auftretende Aktivistinnen, oder werden sie auch gewalttätig?

Wenn ich auf der Straße demonstriert habe, gegenüber linken Gruppen und auch der Polizei, sind Pflastersteine geflogen. Und in meiner wilden Kampfzeit habe auch ich Pflastersteine geworfen. Alles andere wäre in einem Mob von aufgebrachten Rechtsradikalen auch unklug.

Sie sind schon mit 13 Jahren in die Szene eingestiegen. Wann haben Sie das erste Mal an einen Ausstieg gedacht?

Meine fünf Kinder, die ich während der Zeit bekommen habe, waren ausschlaggebend. Vor allem die beiden Ältesten wollten nicht mehr.

Welche Probleme hatten Ihre Kinder?

Meine Tochter Marrit wurde damals als 8-Jährige aus ihrer Schule ausgeschlossen, als unsere Einstellung dort bekannt wurde. Und das, obwohl wir überhaupt nicht politisch tätig waren in der Schule. Ich fand das schockierend, wie die Schule damit umgegangen ist. Aber Marrit hat gesagt: ,Was kann ich dafür, das meine Mutter so denkt?' Außerdem wurde mein geistig behinderter Sohn auf einem Treffen misshandelt. Er wurde in der Jugendfreizeit von den anderen Teilnehmern eingesperrt und geschlagen. Die Betreuer haben weggesehen. Das war das I-Tüpfelchen.

Sie sind eine der wenigen Frauen, die mit Kindern ausgestiegen sind. Wie gelang Ihnen das?

Seit 2002 haben wir versucht, auszusteigen - mit Hilfe des Verfassungsschutzes. Das hat aber nicht funktioniert. Es war vieles nicht geregelt, etwa ob meine Kinder und ich eine neue Identität bekommen können. Wir sind dann nochmal bis 2005 zurück in die Szene. Mein Mann hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt, und wurde gewalttätig. Wir haben alles erlebt, von verbaler Gewalt bis hin zum Steißbeinbruch. 2005 bin ich mit der Aussteigerinitiative ,Exit' dann raus. Wir haben jetzt eine neue Identität angenommen und heißen nicht mehr Privenau.

Was ist aus der Zeit in der rechten Szene bei Ihren Kindern hängen geblieben?

Manche Dinge sind in Fleisch und Blut übergegangen, die noch nicht aufgearbeitet wurden. Die Kinder wollten lange keine Sachen mit amerikanischer Aufschrift anziehen - das ist in der Szene meist verpönt. Meine Tochter färbt sich aber mittlerweile die Haare und trägt sogar Jeans.

Haben Sie sich ihr Leben verbaut?

Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Natürlich ist es schwer, sich ein normales, neues Leben aufzubauen und unter diesen Bedingungen zu leben. Ich denke mir dann immer, du bist ja erst 38 Jahre und das wird schon noch weitergehen.


Interview: Monika Schmidtke 


(aus: taz, 8. Mai 2009)