Frauen wie Antje Kottusch geben der NPD ein harmloses und bürgernahes Image


WOLTERSDORF - Antje Kottusch posiert an einem hochgewachsenen Baum und blinzelt in die Sonne. „Als Kind auf Bäumen herumzuklettern“, so wird sie später im Gespräch erzählen, „das verbinde ich mit Heimat.“ Der Fotograf beobachtet sie gespannt, dann hat er sein Bild im Kasten.

Antje Kottusch (31), Mutter eines 12-jährigen Sohnes und Landtagskandidatin der rechtsradikalen NPD in Brandenburg, entspricht äußerlich nicht gerade dem Klischee einer Neonazi-Aktivistin. Die langen dunkelblonden Haare trägt sie offen, dazu Minirock und lackierte Fußnägel. Kottusch ist erst seit einem Jahr in der NPD. „Mein Freund war jahrelang vorher in der Partei, dann bin ich mit ihm in die Parteizentrale und an die Infostände gegangen“, sagt sie. Schon früher hatte sie „nationale Freunde“, sei aber nie politisch aktiv gewesen. Heute stehe sie hinter dem, was sie macht. „Ob andere das für richtig halten, ist mir wurscht“, sagt sie. Am Herzen liege ihr die Familien- und Umweltpolitik, sagt Kottusch. Sie sei ein zielstrebiger und gerechter Mensch. Gelernt hat sie Kinderkrankenschwester. Schon in der Ausbildung habe sie damals festgestellt, dass „die Praxis nicht so sozial ist, wie es sein sollte“.

Sozial und sanft gibt sich Kottusch auch während des Gesprächs. „Ich bin eine ganz normale Woltersdorferin“, behauptet sie. Die NPD-Aktivistin sitzt in einer bürgerlichen Gaststätte in ihrem Heimatort im Landkreis Oder-Spree, süd-östlich von Berlin. „Umweltschutz ist Heimatschutz“, stellt sie klar.

Antje Kottusch ist behütet aufgewachsen in Waldesruh, einem Gemeindeteil von Dahlwitz-Hoppegarten (Märkisch-Oderland). In die Großstadt, nein, dahin habe es sie nie gezogen. „Ich möchte mein Kind nicht in Neukölln zur Schule schicken, da hab ich Angst vor.“ Wovor sie Angst hat? Davor, dass „mein Sohn als Angehöriger einer Minderheit in der Schule von anderen Kindern mit Migrationshintergrund angegriffen wird“, sagt sie.

Zum Interviewtermin erscheint Kottusch vorsichtshalber nicht allein. Sie wird von NPD-Aktivistin Stella Hähnel begleitet. Hähnel ist so etwas wie die Mutter der rechtsextremen Frauenkompanie. Als Pressesprecherin des Rings Nationaler Frauen (RNF) hält sie die Zügel fest im Griff, hat ihre Zöglinge stets im Blick. Der RNF besteht fast ausschließlich aus Frauen von NPD-Funktionären. Hähnel ist die Frau des NPD-Aktivisten und rechten Liedermachers Jörg Hähnel. Auch sie wirkt auf den ersten Blick harmlos. Die braunen Haare trägt sie zum Pferdeschwanz gebunden, ein grünes Leinenshirt verbirgt ihren schwangeren Bauch: Die Hähnels, wohnhaft in Teltow-Fläming, erwarten im November das dritte Kind. Ähnlich wie Kottusch tritt auch Hähnel betont freundlich auf. Nur ein kleiner Ohrstecker in Form einer Triskele deutet auf ihr Weltbild hin: ein Symbol aus der keltischen Mythologie, das auch im Nationalsozialismus verwendet wurde.

Hähnel achtet penibel darauf, dass sich Kottusch vor der Presse nicht in Widersprüche verstrickt. „Weil Antje ja keine Erfahrung hat“, sagt sie über ihren Zögling, der, wenn alles klappt, wie die Parteispitze es plant, demnächst für den Wahlkreis Märkisch-Oderland II im Brandenburger Landtag politische Verantwortung übernehmen soll. Immer wieder mischt sich die NPD-Funktionärin Hähnel ins Gespräch ein. Etwa als Kottusch von ihrem Freund erzählt, Andreas Kavalir, Gemeindevertreter für die NPD in Woltersdorf. Über ihn redet Kottusch gern – gar stolz. „Ich kann ihn schon ehren, mit dem was er tut“, sagt sie. An ihrem Freund möge sie vor allem, „dass er nicht nur national denkt, sondern auch handelt, in dem Sinne, dass er mit Leuten redet, sie aufklärt und aufruft.“ Eine Formulierung, die Stella Hähnel offenbar nicht so ganz passt. „Politische Arbeit allgemein, meinst du!“, sagt sie. „Ja, politische Arbeit, Flugblätter verteilen und dann redet man natürlich mit den Leuten“, ergänzt der NPD-Nachwuchs brav.

Was auf den Flugblättern steht, darüber redet sie nicht gern. „Deutsche Arbeit zuerst für Deutsche“ heißt es da. Auf ihren Wahlplakaten wirbt die NPD mit Sprüchen wie „Heimreise statt Einreise“. Bei Kottusch klingt das ganz anders. Etwa, wenn sie über „Fachkräftemangel“ redet. Dem wolle sie „jedenfalls nicht dadurch begegnen, dass wir Leute aus dem Ausland hier reinholen.“ Was daran so schlimm wäre? „Fachkräfte sollen nicht aus dem Ausland geholt werden, weil sie sonst dort in dem Heimatland fehlen. Da nimmt man denen die Arbeit weg, entwurzelt sie aus ihrer Heimat und Familie“, gibt sich die junge NPD-Frau besorgt. Von der Gewalt und Brutalität der rechten Szene distanziert sie sich, von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gegenüber anderen will sie nichts wissen.

Heinrich Jüttner weiß es besser. Er kennt Kottusch anders. Der parteilose Bürgermeister von Schöneiche (Oder-Spree), der Nachbargemeinde von Woltersdorf, machte in seinem Ort im vergangenen Oktober unfreiwillig Bekanntschaft mit Antje Kottusch. Einmal im Jahr feiern die Schöneicher gemeinsam mit den jüdischen Einwohnern das Jüdische Laubhüttenfest in der Kulturgießerei in Schöneiche. Rund 70 jüdische Flüchtlinge aus der GUS leben in der beschaulichen Gemeinde. Mehrere NPD-Anhänger, unter ihnen Kottusch und ihr Freund, störten damals das Fest des Integrationsvereins „Schtetl“. Laut Jüttner soll einer der Störenfriede die jüdischen Einwohner des Ortes mit den Worten „das sind die, die man früher vergast hat“, beleidigt haben. Kottusch sei an dem Nachmittag nicht so aggressiv wie die Männer aufgetreten. „Sie trug zwei lange geflochtene Zöpfe und sah aus wie ein BDM-Mädel“, erinnert sich Bürgermeister Jüttner. Wenig später wurde er nachts von drei dunkel gekleideten Männern besucht, die am Wohnhaus des Schöneichers klingelten. „Sie beschimpften mich als ,Volksfeind' und ,Volksverräter'“, erzählt Jüttner. Auch im rechten Internetforum „alter media“ drohte man dem Bürgermeister im Zusammenhang mit seinem Auftritt beim Jüdischen Laubhüttenfest. So schrieb ein rechter Autor unter dem Namen „griesgram“ im Netz: „Bin allerdings auch der Meinung, dem Würgermeister die Hütte abzufackeln, wäre wirkungsvoller gewesen“.

Wenn Kottusch die Episode vom Laubhüttenfest in ihrer Nachbargemeinde erzählt, klingt sie anders: „Wir wollten mal gucken, was in dem Ort so los ist, wollten die jüdische Kultur kennenlernen in Schöneiche. Das wurde uns aber nicht gewährt“, sagt sie. Der Staatsschutz jedenfalls interessiert sich brennend für den gescheiterten Versuch von Kottusch und ihren Freunden, die jüdische Kultur kennen zu lernen. Er nahm Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung auf.

Von Diana Teschler
(aus: Märkische Allgemeine vom 10.09.2009)