Der Alltag in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist schwer genug. Eine neue Umgebung, andere Konventionen oder auch Diskriminierungen begegnen Spätaussiedlerinnen. Sprachbarrieren sind ein zusätzliches Problem. Um hier Abhilfe zu schaffen, unterstützt "Lola für Lulu" einen Konversationskurs für Spätaussiedlerfrauen in Hagenow.
Wie fühlt sich eine Frau, die aus Russland oder einem der Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Deutschland gekommen ist? Wie leicht oder schwer fällt der Alltag in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, wo gibt es Probleme? Katja Huenges, die als Sozialpädagogin für Spätaussiedler in Hagenow im Landkreis Ludwigslust arbeitet, weiß eine Antwort auf diese Fragen: „Viele der Spätaussiedlerfrauen in Hagenow sind arbeitslos“, berichtet sie, „und sie haben das Deutsch, das sie irgendwann einmal in einem Integrationskurs gelernt haben, inzwischen größtenteils vergessen.“
Sich einfach trauen
Das sollte jedoch kein Grund zur Resignation sein, im Gegenteil. Frei nach dem Motto: „Übung macht die Meisterin“ bietet die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Hagenow einmal pro Woche einen Konversationskurs für Spätaussiedlerfrauen an. Hier können die Frauen sich in einem angstfreien Raum auf Deutsch unterhalten. Viele trauen sich nämlich kaum, auf die bereits länger in Hagenow lebenden zuzugehen – aus Angst, Fehler zu machen oder falsch verstanden zu werden. „Und je weniger sie sich trauen, Deutsch zu sprechen, desto mehr Fehler machen sie am Ende natürlich – ein Teufelskreis“, bemerkt Katja Huenges.
Lebhafte Diskussionen
Den gilt es mit dem Kurs, der seit Anfang 2009 angeboten wird, zu durchbrechen. Ziel ist es, dass die Frauen raus aus ihren Wohnungen kommen und am sozialen Leben der Stadt teilhaben. Im Sprachkurs merken die Frauen, dass es gar nicht so schlimm ist, Fehler zu machen. Es werden Fragen angesprochen, die das alltägliche Leben der Teilnehmerinnen bestimmen: ein unverständlicher Brief von der Hausverwaltung, der erst einmal entschlüsselt werden muss; Ärger mit dem Nachbarn; Missverständnisse während des letzten Arztbesuches. Aber auch kulturelle oder politische Themen stehen auf der Agenda. So wurde bereits lebhaft über die Hagenower Stadtgeschichte, die Bundestags- und Europawahlen oder auch über das Problem Rechtsextremismus diskutiert –Themen, die die Teilnehmerinnen selbst gewählt hatten.
Für die Kinderbetreuung ist gesorgt
Damit der Sprachkurs überhaupt stattfinden kann, beschäftigt die Kirchgemeinde eine Frau zur Kinderbetreuung. Denn bis auf wenige Ausnahmen sind die Teilnehmerinnen Anfang bis Mitte 30, viele haben kleine Kinder, die noch nicht allein gelassen werden können. Während die Mütter in einer geselligen Runde üben, werden die Kinder im Raum nebenan betreut. Die Betreuerin spricht ebenfalls Deutsch mit den Kindern, damit auch sie dazulernen, denn zu Hause wird in der Regel Russisch gesprochen. Für die Kinder ist der Kurs also genau so wichtig wie für die Mütter. Gefördert wird die Kinderbetreuung durch das Projekt „Lola für Lulu“ der Amadeu Antonio Stiftung.
Die Sprachbarriere überwinden
Erfreulich ist, dass die Erfolge bereits nach weniger als einem Jahr sichtbar werden. Die anfängliche Unsicherheit der Teilnehmerinnen ist positiveren Gefühlen gewichen. Inzwischen studieren die Frauen kleine Theaterstücke oder Rollenspiele zum Thema Klischees und Vorurteile zwischen Deutschen und Russen ein – und haben viel Spaß dabei, wie Katja Huenges berichtet. Einige der Frauen gehen nun auch ins Außen und bringen sich in die Kommune ein: „Ein paar von ihnen waren schon auf Gemeindeveranstaltungen“, erzählt Katja Huenges. „Die Brücke zwischen den Spätaussiedlerfrauen und der Gemeinde wird langsam sichtbar“.
Jan Schwab