Mädchen mit den Bauklötzen

Flickr, Mark u. Marie Finnern, c

Wenn das Mädchen mit den Bauklötzen…


Neonazis gründen auch Familien. Sie wollen nicht ihre Kinder im Sinne der „nationalen Sache“ erziehen, sondern auch Einfluss auf Kindergärten und Schulen nehmen. Deshalb schult „Lola für Lulu“ ErzieherInnen.


Frauen und Männern dürfe nicht ihre „natürliche, angeborene Geschlechtsidentität“ aberzogen werden, mahnt der „Ring Nationaler Frauen“ (RNF). Die meisten denken bei dem Wort „Neonazi“ an martialische Glatzköpfe. Die wenigsten wissen, dass auch Frauen zur Szene gehören. Sie ermöglichen beispielsweise Parteien wie der NPD ein bürgerlicheres Image zu geben. Gemeinhin werden Frauen als emphatische und emotionale Menschen eingeschätzt. Hinter diesem verbreitetem Vorurteil können sich Frauen aus der Neonazi-Szene verstecken, um Einfluss auf ihr soziales Umfeld zu nehmen. So können sie sich im Kindergarten engagieren, auf dem Elternabend der Grundschule als „rechtschaffende“ Mutter auftreten oder sich in Gemeindebelange einbringen.

Von „Mädels“ und „Kameraden“

Dabei sind Geschlechterrollen in der Neonazi-Szene klar definiert. Zwar gibt es auch hier verschiedene Strömungen. Die „Mädels“ wollen sich nicht unbedingt immer unterdrücken lassen. Aber prinzipiell ist frau die „Kämpferin für die nationale Sache“ an der Seite ihres Mannes. Von Gleichberechtigung keine Spur. Gleichzeitig treffen sie damit auf eine Gesellschaft, in der die Vorstellung von den Geschlechtern noch immer von „Frauen können besser zuhören und Männer besser einparken“ geprägt sind. Oft findet man es komisch, wenn Jungs mit Puppen und Mädchen mit Bauklötzen spielen. Denn schon von klein auf beherschen Vorstellungen, wie Männer und Frauen zu sein haben, die Erziehung. Eine Neonazi-Mutter kann so im Kindergarten an vorhandene Stereotype anknüpfen und um ihre Ideologie erweitern.

Augenblick Mal!

Wie können ErzieherInnen erkennen, wenn ein Kind aus einer Neonazi-Familie kommt? Wie kann man die Entwicklung der Kinder fördern, ohne sie in vorgefertigte Rollenbilder zu pressen? Um ErzieherInnen und PädagogInnen zu helfen, hat „Lola für Lulu“ das „Augenblick Mal“-MultiplikatorInnen-Training entworfen. Hierzu werden Seminare und Workshops angeboten, in denen erstens über Symbole und Erkennungszeichen von Neonazis informiert wird – es gilt die Neonazis zu erkennen, auch wenn sie keine Glatzen, sondern lange Haare haben. Dazu gehört zweitens genau hinzuhören, was will die Neonazi-Mutter beispielsweise auf der Elternversammlung erreichen? Welche Argumente bringt sie – und vor allem, wie können sie wiederlegt werden? Drittens, und das ist der wichtigste Punkt, müssen die eigenen Rollenbilder und wie sie sich in der Erziehung wiederspiegeln reflektiert werden.

In den Seminaren werden Fallbeispiele und mögliche Reaktionen diskutiert. Ebenso bekommen die PädagogInnen Handlungsmöglichkeiten für ihre zukünftige Arbeit. Es gilt anzuerkennen, dass auch Jungs Rückzugsräume brauchen und auch Mädchen gern mit den Plastikbauwagen spielen. Um vor den Kindern auch Glaubwürdigkeit zu erlangen, muss auch in anderen Alltagssituationen entsprechend reagiert werden. Die ErzieherInnen sind auch Vorbilder. Wenn Mädchen sowieso nur die Puppen zum Spielen gegeben werden, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sie sich auch von allein nehmen.

Von Nora Winter