„Front der Frauen“

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In der Neonazi-Szene sind zahlreiche „Mutterfrauen“ aktiv – die Fanatikerinnen führen häufig ein Doppelleben, engagieren sich scheinbar unpolitisch ehrenamtlich in Vereinen oder Elternvertretungen.

Von Andrea Röpke/Maik Baumgärtner

Die junge Neonazistin Ricarda Riefling aus Hildesheim ist Mutter von vier Kindern und hat jede Menge ehrenamtliche politische Arbeit. Nicht nur, dass die 1983 in Peine geborene Chefin des NPD-Kreisverbandes Oberweser die Demonstration zum Thema „Tag der deutschen Zukunft – Unser Signal gegen Überfremdung“ am Samstag in Hildesheim mitplant, jetzt ist auch noch für Freitagabend eine Kundgebung in der Innenstadt der Landeshauptstadt Hannover zum gleichen Thema anberaumt worden.

Riefling ist eine der rührigsten extrem rechten Frauen bundesweit. Über ihren Ehemann genießt sie beste Kontakte ins Hardcore-Milieu der Kameradschaften, sie ist Funktionärin der ältesten Neonazi-Frauengruppe der „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ (GDF) und noch dazu Repräsentantin der NPD-Unterganisation „Ring Nationaler Frauen“ (RNF) in Niedersachsen. Bei dieser Aufgabe wird sie vor allem im Süden des Bundeslandes von Nadine Grosenick aus Dransfeld unterstützt. Grosenick ist ebenso wie Riefling Partnerin eines Neonazis, ihr Freund ist NPD-chef in Göttingen.

„Für den Erhalt der eigenen Art sorgen“

Während die Regionalsektionen des RNF die kommunalpolitische Verankerung der NPD vorantreiben sollen und Frauen dafür rhetorisch und inhaltlich geschult werden, beschränkt sich die „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ vor allem auf die innere Stabilisierung der „Front der Frauen“. In ihrer Grundsatzschrift „Die Frau in der nationalen Bewegung“ sieht sie die deutsche Frau verpflichtet, „für den Erhalt der eigenen Art“ zu sorgen. Verweigert sie sich den „eigenen, naturgegeben Pflichten“, heißt es weiter, „dann macht sie sich im schwersten Maße mitschuldig am Untergang des eigenen Volkes“. Zu den selbst ernannten Mutterfrauen der GDF zählen Insider bekannte Neonazistinnen wie Stella Hähnel, Michaela Zanker, Linda Fuchs, Tanja Steinhagen, Runhild Köster aus Lübtheen, Christine Bocksrocker oder Martina Jablonski, die eine zeitlang für die NPD-Fraktion in Schwerin als Sekretärin arbeitete.

Für Anfang Juli ist ein großes Sommertreffen der GDF im „Raum Oberfranken“ geplant. Zu Schulungszwecken wurden die einzelnen Regionalstrukturen der Organisation bis dahin mit diversen Ausarbeitungen zum Thema Familienpolitik, Wirtschaft und Geschichte beauftragt. So kümmert sich die Sektion um Tanja Steinhagen aus Mölln um das Thema Kindergeld. Ein Auftrag der Bundesführung der GDF lautet: „Welche Verbesserungen im Hinblick auf die Stärkung der Mehrkindfamilien sind notwendig? Gehe dabei gezielt auf die Höhe der staatlichen Leistungen ein“. Ricarda Riefling und ihre Frauengruppe haben sich mit der Frage: „Welchen soziologischen Wandel vollzog die Mutterschaft?“ zu beschäftigen. Als wichtige „Persönlichkeiten“ für die Recherche werden unter anderem Eva Hermann und die österreichische FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz empfohlen.

Haushalt, Kinder, Brauchtum und Politik


Zu den internen Schulungsthemen 2010 der GDF zählt das Jahresthema „Der deutsche Vormärz und die deutsche Revolution 1817 – 1866“. Viel historisches Wissen soll erarbeitet werden, denn das Motto des Jahres heißt: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann in der Gegenwart die Zukunft nicht lenken.“ Doch auch moderne Entwicklungen halten Einzug bei dieser rückwärtsgewandten Neonazi-Gruppe, so können sich Aktivistinnen auch mit dem Dokumenarfilm „Plastic Planet“ und der Frage „Fluch oder Segen?“ beschäftigen. Zum Thema Brauchtum steht das Erlernen der Sütterlinschrift für die Frauen an. Wer noch nicht ausgelastet ist, kann sich zudem mit „40 Jahre RAF“ beschäftigen.

Anfang Oktober feiert die im Verborgenen agierende GDF dann ihr 10-jähriges Bestehen in Brandenburg, bereits Anfang August wollen sich einige Frauen mit Infostand und Kinderprogramm am „Pressefest“ der „Deutschen Stimme“ in der Nähe von Görlitz beteiligen. Haushalt, Kinder, Brauchtum und Politik – engagierten Neonazistinnen wird viel abverlangt.

Die Übermutter „Enibas“


Eine, die solche Aufgaben gerne übernimmt, ist Sabine R. Die Mutter von zehn Kindern aus Mannheim wurde Anfang Juni dieses Jahres von Nazigegnern aus der Region und von der Autonomen Antifa Freiburg als Moderatorin des Neonazi-Forums „Thiazi“ namens Enibas (Sabine rückwärts) und Anti-Antifa-Fotografin bei Aufmärschen geoutet. Ganz in schwarz mit Cap und Sonnenbrille fotografierte sie unter anderem in Frankfurt und Zweibrücken Gegendemonstranten und stellte deren Fotos später mit üblen Kommentaren versehen ins Netz.

Zuhause führt die 1959 geborene Graphikdesignerin mit Ehemann, Kinderschar, Eigenheim und Ehrenamt ein scheinbar bürgerliches Leben. Seit 2006 jedoch verbreitet sie rassistisches und antisemitisches Gedankengut auf einschlägigen Seiten im Internet. Als „Enibas“ genießt sie inzwischen als Übermutter Kultstatus, wurde sogar mit virtuellen Auszeichnungen bedacht.

„Reinrassige“ Großfamilie als Grundpfeiler der Ideologie

Nach außen jedoch präsentiert sich Sabine R. gern als unpolitische „Managerin“ in Fernsehdokumentationen wie „Unternehmen Großfamilie“ bei Kabel 1 oder einem 2007 ausgestrahlten Bericht des SWR. Den Kameraden gegenüber ist sie weniger zimperlich und klotzt mit Hardcore-Ideologie. So prahlte sie im April 2009 im Thiazi-Forum (laut Eigenangaben: 25 000 User) damit, dass sie von Ende 1988 bis Mitte 2000 „nahezu dauerschwanger“ gewesen sei. Und belehrt: „Kinder in die Welt zu setzen, reicht auch noch nicht. Die Kinder müssen auch mit deutschen Werten aufwachsen, mit der Liebe zur Heimat groß werden und sie dürfen nicht in Versuchung kommen, durch Rassenvermischung ihr eigenes Volk zu eliminieren.“

In dem Thread „Rassisch inkorrekte Paare“ schrieb Enibas unter einem Foto von Michel Friedman und seiner Ehefrau Bärbel Schäfer: „Steck’ beide in ‘nen Sack und hau mit ‘nem Knüppel drauf, triffst immer richtig.“

Die „reinrassige“ Großfamilie scheint Grundpfeiler ihrer Neonazi-Ideologie. Auch macht „Enibas“ nicht Stopp vor einer strafbaren Holocaust-Leugnung, so heißt es von ihr: „Inzwischen bin ich mir sicher, dass zwar viele Menschen in Konzentrationslagern starben (Seuchen, Unterernährung, Fluchtversuche, Sabotage etc.) jedoch nicht an Gas!“

Quelle: blick nach rechts, 3.6.2010 (www.bnr.de)

 
 

Demonstration 13. Februar in Dresden, Foto: sr

 

Schnittvorlagen für Hakenkreuz-Fahnen

Sabine R. scheint die eigene nationalsozialistische Bewusstseinsfindung eng mit der Erziehung ihrer Kinder zu verknüpfen. So backt sie Torten mit „Schwarzer Sonne“-Dekoration aus Zuckerguss und stellt Fotos davon ins Internet. Zusammen mit ihren Kindern soll sie schwarz-weiß-rote Hakenkreuz-Fahnen geschneidert und die Schnittvorlagen veröffentlicht haben. Sie berichtet auch davon, dass sie mit ihrem 6-jährigen Sohn bei Karstadt in der Stoffabteilung Fahnenstoff kaufen wollte und die Verkäuferin ihr „stolz einen Stoffballen Schwarz-Rot-Gold (Meterware) anbot“. Da habe ihr kleiner Sohn sich entsetzt: „Das ist aber nicht unsere Fahne!“

R. gibt sich in der persönlichen Umgebung „volksnah“ und rät auch den Gesinnungs-kameraden, sich im Sportverein, Elternbeirat, Tierschutzverein oder Bikerclub zu engagieren. Auch sie führt ein Doppelleben. Zunehmend scheint sie ihren Einfluss auszuweiten. Als Elternvertreterin in der Schule ihrer Kinder empört sie sich nachts im Internet über „Mulattenkinder“ in den Klassen und schreibt: „Mischlingskinder bleiben Mischlingskinder, selbst wenn sie nett und gescheit sind.“

Kinder nach Erscheinen der Polizei „ziemlich verstört“


Ihre eigenen Kinder soll sie bereits erfolgreich indoktriert haben. Stolz beschreibt sie die politische Situation in ihrer Großfamilie: „Das Interesse an Politik ist bei meinen Kindern unterschiedlich ausgeprägt. Es schwankt zwischen mehr oder weniger rechts. Total unpolitisch ist niemand und links schon gar nicht. (...) Meine eine Tochter hatte bereits einen zeitlich befristeten Schulverweis (Armhaltung) erhalten. Meine nächstjüngere Tochter ist Schülersprecherin, in ihrem Verhalten aber wesentlich subtiler als ihre ältere Schwester, doch auch sie eckt natürlich bei gewissen Lehrern an.“

Dabei deutet R. alias Enibas auch schon mal bestehende Ängste ihrer Kinder vor der Polizei an. So habe es ihren Nachwuchs verängstigt, als sie gemeinsam an „Wikingerspielen“ auf einem privaten Grundstück teilgenommen hätten und Polizeibeamte erschienen, ihre Kinder seien demnach „ziemlich verstört“ gewesen. Kein Grund für Sentimentalitäten für die umtriebige „Enibas“.

Über das „dumme Gesicht“ einer Schülerin belustigt


Amüsiert schildert sie eine Anekdote unter der Überschrift „Neulich in der Schule“, die es in sich hat. Eine der Schulen, an denen sie „im Elternbeirat“ aktiv sei, beteilige sich gerade an dem Projekt „Schule ohne Rassismus“. In ihrer Anwesenheit berichtete eine Schülerin aufgeregt von einer Begegnung mit einem Neonazi in der Straßenbahn. Vor ihren virtuellen Kameraden belustigt sich Enibas über das „dumme Gesicht“ der Schülerin, die einen Neonazi am Aussehen erkannt haben will, obwohl Sabine R. „die ganze Zeit“ ihre „Jacke mit dem Schwarze-Sonne-Pin“ getragen haben will. Sie höhnt: „Ich bleibe völlig gelassen, die anderen Schüler beginnen zu lachen und die besagte Schülerin wird knallrot im Gesicht“.

Das unentdeckte Doppelleben vieler fanatischer Neonazistinnen könnte bald zu noch mehr Problemen führen. So fordert die Autorin Hanna Schirmacher in der April-Ausgabe der „Deutschen Stimme“ (DS) „Schluss mit dem Erziehungs-Notstand“ und: „Erziehung als Beruf: Auch für Menschen mit nationaler Überzeugung eine Perspektive“. Sie fordert die männlichen und weiblichen Kameraden indirekt dazu auf, die „Grundsätze einer nationalen Erziehung“ professionell weiterzugeben. So solle das Ziel sein, „einer charakterfesten, gesunden und allgemeinbildenden deutschen Jugend Raum zur Entfaltung ihrer Potenziale zum Wohle des gesamten Volkes zu geben.“

Übernahme des Artikels mit freundlicher Genehmigung der AutorIn.
Zuerst erschienen auf
www.bnr.de.